„Leben in Elberfeld“: Trotz Demenz im Alter selbstbestimmt wohnen

Geschrieben am Montag 16. März 2020

Talpflege GmbH eröffnet drei ambulant begleitete Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz in historischer Keksfabrik

Wuppertal, 13. März 2020. Nach nur einem Jahr Umbauzeit eröffnete die talpflege GmbH, ein privater ambulanter Pflegedienst mit mehr als 50 Mitarbeitenden, am Freitag, 13. März, die ersten ambulant begleiteten Wohngemeinschaften in Wuppertal. Unter dem Titel „Leben in Elberfeld“ bieten die drei WGs auf drei lichtdurchfluteten Etagen in einer historischen Keksfabrik am Hofkamp 87 Lebensraum für jeweils acht Mieterinnen und Mieter. Von den insgesamt 24 WG-Zimmern wurden bereits vor der offiziellen Eröffnung 17 vermietet, sieben sind noch frei. 30 Pflege- und Betreuungskräfte haben in der WG einen neuen Arbeitsplatz gefunden.

Voraussetzung für den Einzug in die WG ist die Diagnose Demenz, unabhängig vom Schweregrad, und das Vorhandensein des Pflegegrads 2. „Meine Mutter leidet an Demenz. Für sie habe ich dieses Wohnprojekt ins Leben gerufen“, sagt der Wuppertaler Bauträger André Harder, einer der beiden Geschäftsführer der talpflege GmbH. Der bekannte Immobilienmakler berichtet, er sei lange unzufrieden mit der Unterbringung seiner Mutter gewesen. Da habe er sich eines Tages gesagt: „Jetzt baue ich selbst.“

Historischer Charme blieb erhalten
Ein passendes Gebäude war nach einiger Zeit gefunden: die leerstehende ehemalige Keksfabrik in Elberfeld. Man entschied sich für Umbau im Bestand, wobei der historische Charme des Gebäudes mit seinen hohen Decken und Rundbogenfenstern erhalten blieb. Aus dem unansehnlichen Hof wurde ein kleiner Sinnesgarten mit Wiese, Apfelbaum, Bank und Grillplatz. Die drei ambulant begleiteten Wohngemeinschaften verteilen sich auf drei Etagen mit rund 1.200 qm Wohn- und Nutzfläche. In der vierten Etage hat der Pflegedienst talpflege GmbH seinen Sitz, den André Harder 2018 gründete. Zweiter Geschäftsführer ist der Diplom-Pflegewirt und WG-Experte Mark Kleinknecht aus Gelsenkirchen, der bereits 2016 in der Emscherstadt ein ähnliches WG-Projekt in einer umgebauten ehemaligen Schule erfolgreich mit aus der Taufe hob.

Gemeinschaftlich den Haushalt führen
„Ambulant begleitete Wohngemeinschaften sind mit Alten- oder Pflegeheimen nicht vergleichbar. Sie ermöglichen Menschen mit Demenz so lange wie möglich ein selbstbestimmtes Leben auch im hohen Alter. Das wichtigste Unterscheidungskriterium ist der gemeinschaftlich geführte Haushalt. Die Mieterinnen und Mieter der WG bestimmen mit ihren Angehörigen darüber, wie das Geld vom Gemeinschaftskonto ausgegeben wird, welche Anschaffungen gemacht werden oder was renoviert werden muss. Das Pflegepersonal und die Betreuungskräfte sind in der WG nur zu Gast“, beschreibt Mark Kleinknecht das Konzept des Wohnprojekts. Die Mieterinnen und Mieter bewohnen geräumige, helle Einzelzimmer mit Bad, die sie nach ihren eigenen Wünschen einrichten.

Wohnküche bildet Mittelpunkt
Mittelpunkt des Lebens in der Wohngemeinschaft ist die gemeinsame Wohnküche. Hier wird jeden Tag frisch gekocht, hier spielt sich der Alltag für die Mieterinnen und Mieter ab. „Die soziale Betreuung der Mieterinnen und Mieter spielt eine besonders wichtige Rolle“, sagt Andrea Hopfer, die die soziale Betreuung am Hofkamp fachlich verantwortet. Als sogenannte „Präsenzkraft“ bildet sie die kommunikative Schnittstelle zwischen Mieterinnen und Mietern, Angehörigen sowie den Betreuungs- und Pflegekräften. Die speziell geschulten Alltagsbegleiterinnen geben dem Tag Struktur, sie binden die Mieterinnen und Mieter, die dazu Lust und Kraft haben, in die Essenszubereitung, das Wäschewaschen oder Bügeln mit ein, um ihre Alltagsfähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten und zu fördern. Man nimmt die Mahlzeiten gemeinsam ein. Es gibt Frühaufsteher, Langschläfer und Nachteulen – ganz wie im richtigen Leben auch. Die Angehörigen spielen im Miteinander eine besonders wichtige Rolle. Besuchszeiten gibt es nicht, Angehörige sind jederzeit willkommen und erhalten auf Wunsch auch einen WG-Schlüssel. Auf den Mieterversammlungen bestimmen sie mit, was in der WG geschehen soll.

Für ein würdevolles Leben im Alter – trotz Krankheit
Von dem neuen Wohnprojekt zeigten sich die Gäste, darunter der Wuppertaler Bürgermeister Marc Schulz, beeindruckt. „Die Demenz-WG ist eine großartige Ergänzung zur Angebotspalette, die es in Wuppertal für alte Menschen mit Demenz gibt. Sie ist eine Alternative zum ambulant betreuten Wohnen in den eigenen vier Wänden oder zum Leben im Heim“, so der Bürgermeister in seinem Grußwort. Sie ermögliche soziale Kontakte, Gemeinschaft und somit einen Alltag, der Menschen, die zunehmend die Orientierung verlieren, feste Strukturen und Halt in einer gewohnten Umgebung ermöglicht. Angehörige würden entlastet, könnten aber trotzdem Verantwortung übernehmen, den Alltag mitgestalten und engen Kontakt zu den an Demenz Erkrankten halten. Marc Schulz: „Ein würdevolles Leben im Alter – trotz Krankheit: Das ist es, was wir uns alle wünschen. Deshalb freue ich mich, dass hier ein neues Angebot für Menschen mit Demenz geschaffen wurde, das genau dieses Leben ermöglicht.“

Nachfrage größer als Angebot
In Wuppertal ist das Projekt „Leben in Elberfeld“ die erste ambulant begleitete Wohngemeinschaft dieser Art. Deutschlandweit ist die Nachfrage nach dieser noch vergleichsweise jungen Wohnform hoch. Aktuell gibt es in Deutschland rund 4.000 Pflege-Wohngemeinschaften, in NRW wird die Zahl auf etwa 600 geschätzt. Jede dritte davon ist in den letzten zehn Jahren entstanden. „Studien zeigen: Jeder Fünfte sieht ambulante WGs als echte Alternative zum Heim. Aber nur für zwei Prozent aller Pflegebedürftigen gibt es entsprechende Angebote. Ambulant begleitete Wohngemeinschaften sind für viele Menschen zu einer guten Alternative geworden, wenn ein Verbleib in der eigenen Häuslichkeit nicht mehr möglich ist, aber ein Umzug in eine vollstationäre Einrichtung nicht gewünscht wird“, sagt Claudius Hasenau, Vorsitzender des WG-Fachverbandes „wig – Wohnen in Gemeinschaft“. Gemeinschaftliche Wohnformen seien zum Gegenentwurf zu standardisierter Versorgung geworden, sie zeigen, wie Pflege anders organisiert und gelebt werden kann. Der Bundesverband wig fordere seit Jahren ein flächendeckendes Angebot von Pflegewohngemeinschaften in Städten, Kommunen und auf dem Land.